Wappen - Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) e.V.

     

bukowinafreunde.de

  
 Verbindungsplattform für Buchenlanddeutsche, deren Nachkommen und 
      an der Bukowina Interessierte weltweit  

      

Die Bukowina und ihre Geschichte der Vergangenheit kurz beantwortet


                  


 

 



         

Die meistgestellten Fragen zur Bukowina

 

Seit wann gibt es die Bukowina? (Von den Deutschen des Landes „Buchenland“ genannt )

Bereits im 14. Jahrhundert taucht die Bezeichnung „Bukowina“ auf. Nach dem Erwerb des Gebietes durch Österreich und genauer Absteckung der Landesgrenzen erhält das Gebiet im Jahre 1776 den offiziellen Namen „Bukowina“, der auch nach Übernahme des Landes durch Rumänien (1918) seine Gültigkeit behält.  Das von den Deutschen verwendete Wort „Buchenland“ ist eine Übersetzung aus dem Ukrainischen und blieb bis 1940 im Gebrauch. 

Wo liegt die Bukowina?    

Am östlichen Karpatenbogen. Es war ein Durchgangsland zwischen Galizien und Siebenbürgen, mit Grenzen zur Moldau und Bessarabien.

Seit wann wohnten Deutsche in der Bukowina?

Es gab ein mittelalterliches Deutschtum in der Moldau (siehe die Stadt Piatra Neamtz = Stein des Deutschen). Vor 600 Jahren gab es ein katholisches Bistum in Sereth. Für Sereth und Suczawa ist die Anwesenheit von Deutschen Ende des 14. Jahrhunderts belegt.Infolge der Türkenherrschaft verschwand das Deutschtum aus diesen Gebieten. Erst in österreichischer Zeit kamen dann wieder Deutsche nach dort.

Wann erfolgte die Besiedlung der Bukowina mit Deutschen? 

Die erste Einwanderung der Deutschen erfolgte 1782 (Rosch, Molodia, Zuczka, St. Onofry  und  Czernowitz, allesamt in der Nordbukowina und Mitoka bei Suczawa in der Südbukowina). 

Woher kamen die deutschen Siedler in der Bukowina? 

Aus Südwestdeutschland (sog Schwaben) - vor allem aus der Gegend um Mannheim, Mainfranken -, aus Böhmen und aus der Zips; bürgerliche Schichten kamen aus allen Teilen der Monarchie, hauptsächlich aus den österreichischen Kernlanden und Mähren.

Welche Volksgruppen lebten in der Bukowina?
 

Die Urbevölkerung in der Bukowina waren im Süden Rumänen und im Norden Ukrainer. Beide Völker wurden noch bis in die österreichische Zeit hinein als Moldauer bezeichnet. Juden und Armenier gab es in der Bukowina schon in der vorösterreichischen Zeit, Polen, Ungarn und Lippowaner (eine konservative russisch-orthodoxe Glaubensgemeinschaft) erst unter Österreich. 

Wie viele Deutsche lebten zuletzt in der Bukowina?  

Umgesiedelt wurden im Jahre 1940 insgesamt 95.770 Deutsche und Deutschstämmige aus der Bukowina.
  

War die Bukowina ein Teil Galiziens, seit sie zu Österreich gehörte?
(Inbesitznahme durch Österreich 1774)

Von 1786 bis 1849 war die Bukowina ein eigener Kreis im österreichischen Königreich Galizien-Lodomerien und wurde von Lemberg aus verwaltet. Von 1849 bis 1918 war sie selbständiges Herzogtum.  
Welches waren die bekanntesten Städte in der Bukowina? Czernowitz, Storozynetz und Wiznitz in der Nordbukowina, Suczawa, Kimpolung, Radautz, Sereth, Gurahumura und Dorna-Watra in der Südbukowina. Städte mit deutscher Prägung waren Radautz, Gurahumora und Sereth.
 

Hatten die Deutschen in der Bukowina eigene Schulen? 

Das staatliche Schulwesen war unter Österreich multinational. Deutsch war überall Pflichtfach, in deutschen Gemeinden auch Unterrichtssprache. Seit 1808 bestand ein staatliches deutsches Gymnasium in Czernowitz, dem später solche in Radautz, Gurahumora und Sereth folgten. 1918 gab es in der Bukowina fast 500 Schulen und knapp 800000 Einwohner. Die Amtssprache wie auch die Umgangssprache zwischen den Nationalitäten war Deutsch. 

Gab es außer den Oberschulen und Volksschulen auch noch Höhere Schulen in der Bukowina?

Es gab eine Staatliche Lehrer- und Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Czernowitz. Ferner gab es in Czernowitz eine Musikschule, eine Staatsgewerbeschule, eine Bauschule und eine Landwirtschaftsschule.
In Radautz gab es eine Forstschule, in Kotzman und Radautz Ackerbauschulen und in Storozynetz eine Korbflechterschule bis 1918. Im Jahre 1875 wurde die 5. und zugleich östlichste - bis 1918 deutschsprachige - Universität der Monarchie eröffnet.

Wer hat die Gründung einer deutschsprachigen Universität in Czernowitz angeregt?

Die Gründung wurde 1872 einstimmig im Bukowiner Landtag beschlossen, also auch mit den Stimmen der Rumänen, Ukrainer, Juden und Polen. Im Wiener Reichsrat wurde sie dann von Prof. Tomaszczuk, einem Rumänen, durchgesetzt. Tomaszczuk wurde auch zum ersten Rektor ernannt.


Wodurch hatten sich die Buchenländer Professoren Raimund Friedrich Kaindl und Johannes von Mikulicz-Radecki hervorgetan?

Professor Kaindl (1868-1930) als bedeutendster Historiker der Buchenlanddeutschen und späterer Universitätsprofessor in Czernowitz, Professor Mikulicz-Radecki (1850-1905) als international bekanntester Arzt aus der Bukowina und Vater der Chirurgie sowie als Lehrer Professor Sauerbruchs.

Hatten die Buchenlanddeutschen eigene Organisationen in der Bukowina?

Ja. Deutscher Schulverein, Verein der Christlichen Deutschen (ab 1931 Deutscher Kulturverein), akademische Korporationen, Jugendverbände, Sport- und Gesangsvereine, Theatergruppen, wirtschaftliche Verbände, Raiffeisenkassen etc.

Welche Berufsschichten wies das Buchenlanddeutschtum auf?

Kleinbauern, Bauern mit Nebenerwerbssiedlungen, Handwerker, Waldbauern, Bergleute, Glasbläser und diverse freie Berufe, vor allem in den Städten (Beamte, Angestellte, und in geringem Umfang auch Gewebetreibende) 


Wer war Heinrich Kipper?

 
Heinrich Kipper war ein schwäbischer Dichter. Sein Roman „Die Enterbten“ wurde über die Grenzen des Buchenlandes hinaus bekannt. 

 Aus dem Fundus der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen .   

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Wie war die Entwicklung in der Bukowina mit Beginn der österreichischen Zeit und nach der Umsiedlung

Die Bukowina und die Buchenlanddeutschen mit Beginn der österreichischen Zeit und nach der Umsiedlung
- Eine Chronologie - dokumentiert von Christian Geier -
Augsburg 2005

1772   Österreich erhält nach der Teilung Polens Galizien als Kompensation für den Verlust
            Schlesiens.
1774   Österreichische Truppen besetzen im Herbst von Galizien aus die Bukowina (10.442 km²), ohne
            dass es dabei zu Kampfhandlungen kommt.
1775   Das Dorf Rosch zählt 146 Familien (etwa 750 Personen), 1779 schon 204 Familien, 1782 aber 238.
1775   In Konstantinopel unterzeichnet die Hohe Pforte am 7. Mai die Urkunde der Abtretung der
            Bukowina/Buchenland an Österreich. Im Gefolge des Militärs und aus diesem bleibt eine erste
            größere Gruppe Österreicher/Deutscher in der Bukowina, deren Bevölkerung
            hauptsachlich aus  Rumänen und Ruthenen (Ukrainern) bestand (etwa 75.000 Einwohner). 
1778   Dem ersten von Wien eingesetzten obersten Chef der Militärverwaltung, General Gabriel Freiherr von
            Splény, folgt im Amt General  Karl Freiherr von Enzenberg, unter dessen Obhut die ersten deutschen
            Siedlungen entstanden, aber auch Armenier, Lippowaner,  Ruthenen, Rumänen, Magyaren, Juden und
            Polen ins Land zogen.
1779   Das erste (Militär-)Spital ist belegt, 1781 erhielt es ein eigenes Gebäude in Czernowitz.
1782   Gründung des Radautzer militärischen Gestüts.
1782   Am 25. Juni treffen die ersten deutschen Familien, Bauernsiedler aus dem Banat, in Czernowitz ein; weitere Familien
            folgten im  Oktober. Gemeinsam gründen sie eine der später zahlenmäßig stärksten deutschen Siedlungen des
            Buchenlandes, Rosch bei Czernowitz, sowie die deutschen Gemeinschaften in Molodia, Mitoka und Zuczka.
1887   Im August macht sich die erste größere Siedlergruppe (50 Familien) aus Galizien auf den Weg in die Bukowina. Sie
            gründen die ersten  evangelischen deutschen Gemeinden der österreichischen Bukowina.
1782   Deutsche Bergleute aus der Zips/Slowakei gründen die Bergwerkssiedlungen Mariensee-Kirlibaba, Poschorita, 
            Luisenthal, Eisenau, Feudenthal, Bukschoaia und Stulpikani.
1782   Der Wiener Johann Paul Vogel wird in Czernowitz erster Postmeister der Bukowina, die ,,ordentliche" Post wird am
            1. Januar 1783 in Czernowitz eröffnet.
1783   In Solka beginnt die Salzgewinnung.
1783   Kaiser Joseph II. besucht die Bukowina; ein zweiter Besuch erfolgt 1786.
1784   Czernowitz und Suczawa eröffnen deutsche Volksschulen.
1784   Bei Jakobeny nimmt das erste Bukowiner Bergbauunternehmen, ein Eisenwerk, seinen Betrieb auf.
1785   Die erste Zivilapotheke der Bukowina entsteht in Czernowitz, erster namentlich bekannter Zivilapotheker ist Mathias
            Winkler.
1785   Die Konskription dieses Jahres ergab für Czernowitz (ohne Dörfer) 2.686 Einwohner, für Suczawa 2.517 und fur Sereth
            1.482.
1786   Czernowitz erhält Stadtordnung.
1786   Suczawa wird zur ,,freien Handelsstadt" erhoben.
1786   Die Militärverwaltung wird aufgehoben und die Bukowina durch kaiserliche Verfügung ein selbständiger Kreis in Galizien
            (bis 1849).
1787   Ab diesem Jahr erfolgen deutsche Siedlungsgründungen in Radautz, Badeutz, Fratautz, Satulmare, St. Onufry, Itzkani,
            Arbore, Terebleschti und Illischeschti (so genannter ,,Erster Schwabenzug", vorwiegend Pfälzer).
1788   Das erste bürgerliche Spital der Bukowina wird in Czernowitz seiner Bestimmung zugeführt.
1791   Glasmacher und Holzfäller aus Böhmen gründen Karlsberg.
1791   Die evangelischen Buchenlanddeutschen erhalten in Milleschoutz ihren ersten eigenen Pastor.
1793   Deutschböhmen werden als Glasmacher ins Land gerufen und gründen Althütte bzw. später auch Neuhütte.
1797   In die Bergwerkssiedlung Mariensee-Kirlibaba ziehen weitere Zipser Handwerker zu.
1797   In Czernowitz beginnt die Führung der Kirchenmatrikel der evangelischen Pfarrei A. B. durch den ersten Pastor, der in
            jenem Jahr seine Stelle angetreten hat.
1799   Die erste Druckerei wird in Czernowitz von Peter Eckhard aus Bistritz eingerichtet.
1800   In der Gemeinde Altfratautz wird eine deutsch-evangelische Volksschule eröffnet.
1801   In Mariensee-Kirlibaba wird eine Bleischmelzhütte eröffnet.
1804   Die ersten selbständigen Zünfte der Bukowina werden in Czernowitz nach deutschem Vorbild konstituiert.
1808   Kaiser Franz I. verfügt die Errichtung des Czernowitzer Obergymnasiums, das erste deutsche Gymnasium der
            Bukowina, das am 16. Dezember 1808   feierlich eröffnet wird.
1809   Die erste Hebammen-Lehranstalt wird als Staatsanstalt in Czernowitz gegründet.
1814   Die katholische Pfarrkirche in Czernowitz, auch heute Gotteshaus der Czernowitzer Katholiken, wird geweiht; Baubeginn
            war 1787.
1816   In Rosch wird eine Trivialschule (Volksschule) eröffnet.
1817   Alexander Freiherr von Petrino, der spätere österreichische Ackerbauminister, wird in Czernowitz geboren, wo er im
           Jahre 1877 auch gestorben ist.
1818   In der Bukowina wird die erste Brettersäge errichtet.
1818   In Czernowitz wird eine Unterrealschule im Anschluss an die Normalschule eröffnet.
1820   Czernowitz erhält seine erste öffentliche Uhr, die Turmuhr der katholischen Pfarrkirche (ersetzt 1907).
1825   In Czernowitz wird der erste Bukowiner Schützenverein gegründet.
1832   Czernowitz hat die 10.000-Einwohner-Grenze erreicht.
1834   In der Bukowina werden die Fahrpostverbindungen eingeführt, bis dahin gibt es nur Reitpost.
1836   Die Vorstadt Rosch zählt 530 Häuser und 703 Familien.
1843   Das bis heute gut erhaltene Czernowitzer Rathausgebäude wird nach Plänen des Architekten Andreas von Mikulicz
            erbaut.
1844   Im Zentrum von Czernowitz wird der Grundstein für die orthodoxe Kathedrale gelegt.
1848   Wahl der ersten Bukowiner Reichstagsabgeordneten (insgesamt acht, davon einer für Czernowitz und sieben aus dem
            Bauernstand).
1848   Der Choleraepidemie dieses Jahres fallen allein in Czernowitz über 1200 Personen zum Opfer (von 20.000 Einwohnern).
1849   Die Bukowina wird zu einem selbständigen Herzogtum erhoben, die Durchführung dauert jedoch bis 1854.
1850   Der später international bekannteste Arzt aus der Bukowina, Geheimrat Prof. Dr. Johannes von Mikulicz-Radecki, wird in
            Czernowitz geboren (gest. 1905 in Breslau).
1851   Kaiser Franz Joseph I. besucht die Bukowina.
1851   Die Landesbibliothek wird in Czernowitz gegründet und geht später in die Universitätsbibliothek ein.
1855   Der erste gemeinnützige Verein, der Landeskulturverein, wird in Czernowitz tätig.
1855   Das erste Telegrafenamt der Bukowina wird in Czernowitz eröffnet.
1857   Czernowitz zählt 12.290 deutschsprachige Einwohner- davon 4.678 Juden -, 4.800 Rumänen, 3.500 Ruthenen, 810
            Polen, 188 andere.
1860   In Suczawa wird das orthodoxe Gymnasium eröffnet, in dem sowohl in rumänischer, als auch in deutscher Sprache
            unterrichtet  wurde.
1860   Der ,,Emanzipationsruf der Bukowina" wird verfasst und gedruckt (24. Dezember).
1860   In Czernowitz öffnet die erste Bukowiner Sparkasse, 1868 die erste Pfandleihanstalt.
1861   Die neue, eigene Landesverfassung des Kronlandes Bukowina tritt in Kraft (26. März).
1862   Der ,,Verein zur Förderung der Tonkunst" in Czernowitz nimmt seine Tätigkeit auf.
1862   Gymnasialprofessor Ernst Rudolf Neubauer (geb. in Iglau) bringt in Czernowitz die erste deutsche Zeitung heraus unter
            dem Titel ,,Bukowina" (bis  5. Januar 1868).
1863   Das Landesmuseum wird in der Hauptstadt eingerichtet.
1863   In Czernowitz wird mit dem Bau der neuen orthodoxen Bischofsresidenz (heute Universität) nach den Plänen des Prager  
           
Architekten  Josef Hlavka begonnen.
1866   Czernowitz wird an das k. u. k. Eisenbahnnetz angeschlossen. Am 1. September fährt der erste Zug ein. Das
            Bahnhofsgebäude war nach einjähriger Bauzeit kurz davor fertig gestellt worden.
1866   Raimund Friedrich Kaindl, der bedeutendste Historiker der Buchenlanddeutschen und spätere Universitätsprofessor in
            Czernowitz  und Graz, wird am 31. August in Czernowitz geboren (gest. 14.Marz 1930 in Graz).
1866   Die erste Eisenbahnbrücke über den Pruth wird für die Bahnlinie Lemberg - Czernowitz - Jassy ihrer Bestimmung
            übergeben (1868 eingestürzt).
1866   Die erste Berufsfeuerwehr der Bukowina wird in Czernowitz gegründet.
1866   Allein in Czernowitz sterben 1.080 Menschen an Typhus und 1.182 an Cholera (bei 34.000 Einwohnern), für die ganze
            Bukowina werden 5.335  Seuchenopfer angegeben.
1867   Der erste deutsche Turnverein wird in Czernowitz gegründet.
1868   Die evangelischen Buchenlanddeutschen erhalten in Czernowitz das erste Seniorat.
1868   Die k. u. k. Landesbehörde bringt die anfangs amtliche, später halboffizielle ,,Czernowitzer Zeitung" heraus (erscheint
            bis 1914).
1869   Der ,,Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Bildung" wird in Czernowitz gegründet.
1869   Die Bahnstrecke Czernowitz - Suczawa wird ihrer Bestimmung übergeben.
1870   Die erste ,,Freiwillige Feuerwehr" wird in Czernowitz ins Leben gerufen.
1870   Die ,,Bukowiner Vorschussbank" wird in Czernowitz eingerichtet.
1870   In der Landeshauptstadt Czernowitz wird die Lehrer- und Lehrerinnen-Bildungsanstalt eingerichtet.
1870   Anton Keschmann, von 1907 bis 1918 Reichsrats- und Landtagsabgeordneter, wird in Gurahumora geboren (gest. 1947
            in Kärnten).
1871   In Czernowitz wird die erste landwirtschaftliche Mittelschule eröffnet.
1871   In Sereth wird der ,,Museumsverein" ins Leben gerufen und in Czernowitz der Verein ,,Deutsche Lesehalle".
1871   Im Städtchen Radautz wird ein Gymnasium gegründet, das 1880 zum Obergymnasium erweitert wird.
1874   Von einem Verein wird die erste "höhere Töchterschule" der Bukowina errichtet, Vorläufer der kommunalen höheren
           Töchterschule, an deren Stelle trat 1898 das städtische Mädchenlyzeum.
1872   Am 21. August wird in Czernowitz der später international bekannte Völkerrechtler Julius Hatschek geboren.
1872   Im Zentrum von Czernowitz wird der Grundstein zum jüdischen Haupttempel gelegt (8. Mai), der 1941 von SS-Soldaten
            in Brand gesteckt wurde.
1873   In Czernowitz wird die k. k. Staatsgewerbeschule eröffnet.
1875   Gründung der Franz-Josephs-Universitat in Czernowitz, Eröffnung am 4. Oktober.
1875   Hundertjahrfeier der Zugehörigkeit der Bukowina zu Österreich.
1877   Die Bukowiner Landeshauptstadt lässt ein eigenes Stadttheater erbauen (nach Plänen des Architekten Joseph Gregor).
1886   Die erste Ortsgruppe des ,,Deutschen Schulvereins" in der Bukowina entsteht in Czernowitz.
1884   In Rosch werden die Albrechts- und die Kavalleriekaserne erbaut.
1886   Die neue Landeskrankenanstalt wird in Czernowitz eröffnet („Bukowiner öffentliche allgemeine Krankenanstalt"),
1886   Auf der Czernowitzer Schützenhöhe findet die erste Bukowiner Landesausstellung statt.
1888   Der spätere Theaterwissenschaftler Prof. Dr. Joseph Gregor wird in Czernowitz geboren (26.
Oktober).
1888   Das Gewerbemuseum wird in Czernowitz eröffnet.
1891   Die ,,Herz-Jesu-Kirche" des Jesuitenordens (heute staatliches Bezirksarchiv) wird nach Plänen des Architekten Josef
            Leizner erbaut, Fertigstellung 1894.
1893   Als eine der letzten deutschen Tochtersiedlungen in der Bukowina entsteht Nikolausdorf.
1895   Czernowitz führt die Wasserleitung aus Rohozna ein.
1896   Die öffentliche elektrische Straßenbeleuchtung wird in Czernowitz eingeführt (5. Februar).
1896   In Czernowitz wird die städtische Kanalisation durchgeführt.
1896   Das zweite Staatsgymnasium mit deutsch-ruthenischen Parallelklassen wird in Czernowitz eröffnet.
1897   In der Landeshauptstadt der Bukowina wird die elektrische Straßenbahn eingeführt, Erstfahrt am 18. Juli.
1897   Der ,,Verein der christlichen Deutschen" wird in Czernowitz gegründet. Erster Vorsitzender ist Prof. Dr. Theodor Gartner.
1899   Georg von Drosdowski, später bekannter Lyriker, wird in Czernowitz geboren (gest.
1987 in Österreich).
1899   Der ,,Verein der christlichen Deutschen" in der Bukowina eröffnet an der Siebenbürger Straße in Czernowitz das erste
            ,,Deutsche Haus" im  Kronland.
1899   Das Städtchen Sereth erhält sein erstes Gymnasium.
1900   Czernowitz zählt zusammen mit den fünf Vorstädten 67.622 Einwohner, davon 7.453 in Rosch. Insgesamt werden in der
            Bukowina 730.195 Seelen registriert.
1900   In Rosch wird die Pfarrkirche zu den Erzengeln Michael und Gabriel errichtet.
1901   Der Verein ,,Deutsches Schülerheim" (mit Sitz in Czernowitz) wird gegründet.
1901   Auf der Siebenbürger Straße in Czernowitz wird das Denkmal für das Bukowiner Hausregiment (41er Infanterieregiment,
           gegründet 1701 als Regiment Bayreuth) errichtet, die Weihe erfolgt 1902.
1903   In Czernowitz wird der ,,Deutsche Fußballklub" gegründet, der 1911 seinen Namen in ,,Fußball- und Turnverein Jahn"
            änderte.
1905   Das neue Czernowitzer Stadttheater - heute noch bespielt - wird nach Plänen der Wiener Architekten Fellner und Helmer
            errichtet.
1906   Es beginnt der Bau des ,,Deutschen Hauses" in Czernowitz nach Plänen des sudetendeutschen Architekten Fritsch (an
            der Herrengasse, heute Nr. 53).
1906   Die deutsch-rumänische Filiale (seit 1901) des Ersten Staatsgymnasiums in Czernowitz wird zum Dritten
            Staatsgymnasium umgestaltet.
1907   Die Volksschule in Rosch-Stinka wird erbaut.
1907   In Kimpolung wird ein rumänisch-deutsches Gymnasium eröffnet.
1907   Das städtische ,,Pruthbad" wird in Czernowitz als viertes Badehaus der Stadt eingerichtet.
1908   Gurahumora erhält ein deutsches Gymnasium.
1908   Der Grundstein zum ersten Kinderspital wird am 25. Juni in Czernowitz gelegt.
1908   Die ,,deutsch-christlich-soziale" Zeitung ,,Bukowiner Volksblatt" beginnt ihr Erscheinen (bis 1913).
1910   Das ,,Deutsche Haus" in Czernowitz wird seiner Bestimmung übergeben.
1910   In Anlehnung an den mährischen erfolgt der ,,Bukowiner Ausgleich".
1911   In der Landeshauptstadt wird das erste deutsche Turnfest der Bukowina abgehalten.
1911   Im Kur- und Badeort Dorna Vatra wird der Verein ,,Christlich-Deutsche Wacht" gegründet.
1911   In Czernowitz wird die Staatsrealschule eröffnet.
1911   Die erste Tagung der Karpatendeutschen findet in Czernowitz statt, organisiert von Prof. Dr. RaimundFriedrich Kaindl
            (,,dem Karpatendeutschen"), die nächsten folgen 1912, 1913 und 1914.
 
1911   In Gotha erschien der 3. und letzte Band der ,,Geschichte der Karpatendeutschen", dem Hauptwerk des Bukowiner
            Historikers Raimund Friedrich Kaindl.
1913   In Czernowitz erscheint die katholische Zeitung ,,Volksfreund" (bis Kriegsbeginn).
1913   Ein christlich-deutscher Verein entsteht in Suczawa.
1914   Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führt u. a. dazu, dass auf dem Gebiet der Bukowina schwere, verlustreiche und
            entscheidende Schlachten ausgetragen werden.
1918   Am 11. November rückt eine königlich-rumänische Division in die Bukowina ein.
1919   Der ,,Deutsche Volksrat" der Bukowina wird gegründet.
1919   Durch den Vertrag von St. Germain (10. September) verzichtet Österreich offiziell auf die Bukowina.
1919   Der Verein ,,Katholischdeutscher Volksbund" der Bukowina wird gegründet.
1920   Einweihung des evangelischen Waisenhauses in Czernowitz.
1921   Eröffnung des katholisch-deutschen Waisenhauses in Czernowitz. 1921     
1921   Die Sektion Buchenland des ,,Siebenbürgischen Karpatenvereins" und die ,,Deutsche Frauenvereinigung" werden initiiert.
1921   Gründungstagung des ,,Verbandes der Deutschen in Großrumänien" in Czernowitz.
1923   Der Sportverein „Jahn" erwirbt einen eigenen Sportplatz am Czernowitzer Pruthufer.
1931   Der ,,Deutsche Kulturverein" der Buchenlanddeutschen führt die Arbeit des ,,Vereins der christlichen Deutschen" weiter.
1932   Große 150-Jahr-Feier der Ansiedlung von Deutschen in der Bukowina.
1934   Der Neubau des ,Josephinum"-Waisenhauses wird abgeschlossen.
1940   Beginn der Umsiedlung der Buchenlanddeutschen aus dem Norden der Bukowina nach dem Einmarsch der Sowjets
            gemäß dem Molotow-Ribbentrop-Abkommen.
1940/41 Umsiedlung der Deutschen aus dem Süden der Bukowina (Rumänien) ins Deutsche Reich.
1946   Das ,,Hilfskomitee der evangelischen Deutschen aus der Bukowina" nimmt in München unter der Leitung von Senior
            Edgar Müller seine Tätigkeit auf.
1949   In München wird die Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen gegründet, erster Vorsitzender ist Dipl. Ing. Jakob
           Jelinek und erster Sprecher Dr. Rudolf Wagner.
1950   Der Landesverband Niedersachsen der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen mit dem Schwerpunkt SaIzgitter-
            Lebenstedt wrd gegründet.
1951   Gründung des „Raimund-Friedrich-Kaindl-Bundes" in Sindelfingen.
1951   In Turen/Venezuela entsteht eine buchenlanddeutsche Siedlung.
1953   50jähriges Gründungsfest des ,,Sportvereins Jahn" in Stuttgart-Büsnau.
1955   Der Bezirk Schwaben/Bayern übernimmt die Patenschaft über die
,Volksgruppe der Buchenlanddeutschen" (17. Juli).
1974   In Stuttgart-Büsnau wird unter der Leitung von Prof. Dr. Herbert Mayer die ,,Raimund-Friedrich-Kaindl-Gesellschaft e.V."
            gegründet.
1988   Gründung des Trägervereins Bukowina-Institut Augsburg (27. Juli).
1990   Feierliche Eröffnung des Bukowina-Instituts Augsburg (13. Februar).
1992   Ab Heft 9 werden die ,,Kaindl-Hefte" vom Augsburger Bukowina-Institut in Zusammenarbeit mit der ,,Kaindl-Gesellschaft"
            herausgebracht. Bisher sind 36 Hefte der neuen Folge erschienen.
1992   In der Geschäftsstelle der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen in Augsburg wird die Gründung des
            Landesverbandes ,,Neue Bundesländer" der  Landsmannschaft beschlossen (Oktober).
1998   Zehnjahrfeier des Augsburger Bukowina-Instituts.
2001   Erstes Bundestreffen einer Landsmannschaft in der alten Heimat (in Suceava) mit internationaler Beteiligung und
            Eröffnung der Wanderausstellung (dreisprachig) über die Umsiedlung der Buchenlanddeutschen ,,ins Reich" 1940.
2003   Erstes Bundestreffen der Buchenlanddeutschen in den neuen Bundesländern in Brehna bei Bitterfeld.
2005  Jubiläumsbundestreffen zu Pfingsten (14.-15. Mai) in Unterelchingen: 50 Jahre Patenschaft des Bezirks
          Schwaben/Bayern für die Volksgruppe der Buchenlanddeutschen.

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Wie verliefen aus Sicht der Deutschen die letzten Jahre in der Bukowina?
Wie verlief die Umsiedlung der Deutschen aus der Bukowina?
Wie verlief die Ansiedlung in Oberschlesien und anderen Ansiedlungsgebieten?
Wie war die Neuorientierung in der neuen Heimat?


Antworten einer Zeitzeugin auf Fragen zur Umsiedlung aus der Bukowina, zur Ansiedlung in Oberschlesien
und zur Flucht und Neuorientierung
:

 

 

Angela EisenhutAngela Eisenhut, geborene Vogel, Jahrgang 1927, verstorben 2014, war zum Zeitpunkt der Umsiedlung 13 Jahre alt und konnte sich noch sehr gut an die Zeit in ihrer Kindheit in der Bukowina sowie an die Um- und Ansiedlung und an die sich anschließende Flucht und an den Neubeginn erinnern. Sie wurde 1940 als Einzelkind mit ihren Eltern und Verwandten sowie anderen Deutschen aus Pojorâta umgesiedelt worden. Sie hatte sehr persönlich die von mir gestellten Fragen ehrlich und offen beantwortet. Angela Eisenhut war mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen einverstanden und wollte diese geschichtsträchtigen Einzelheiten Bukowinanachfahren und Interessierten näher bringen. Angela Eisenhut hatte ihre alte Heimat mehrfach besucht und pflegte gute Kontakte zu dort lebenden deutschen und rumänischen Freunden. Sie verbrachte ihren Lebensabend bis zu ihrem Tode zusammen mit ihren Kindern und Enkelkindern in der Nähe von Amberg. Wir danken der Enkelin Kathrin für ihre die Mitwirkung bei diesem Interview.

 

Ich selbst bin 1943 in Oberschlesien geboren und war bei der geschilderten Flucht zwei Jahre alt. Angela Eisenhut, zu der ich über die Landsmannschaft die Verbindung aufnehmen konnte, war für mich das verbliebene Bindeglied zur gemeinsamen Heimat meiner inzwischen verstorbenen Eltern und Geschwister. 

 

Alfred Wanza, im August 2011 - ergänzt 2014

Die letzten Jahren in der Bukowina

Wie war das Leben in den letzten 10 Jahren vor der Umsiedlung in der Bukowina und was hat sich in dieser Zeit alles verändert?

Es gab keine Differenzen zwischen Deutschen und Rumänen.

Bis 1935 gab es keine Veränderungen, wo auch immer. Ab 1935, als für kurze Zeit die Legionäre das Sagen hatten, hat sich im Schulwesen und in amtlichen Angelegenheiten die rumänische Sprache durchgesetzt. Auf den Ämtern wurde die deutsche Sprache verboten und in den Schulen nur rumänisch erlaubt. Die Schulen wurden aufgeteilt. Wir hatten drei Schulen, eine deutsche, eine rumänische und eine gemeinsame Schule. Aber im Unterricht sowie in den Pausen durfte nur rumänisch gesprochen werden. Die Deutschen wurden nach und nach in den Schulen und auf den Ämtern durch Rumänen ersetzt.  


Wie war das Zusammenleben mit Deutschen und anderen in dieser Zeit?
 

Unter der arbeitenden Bevölkerung hat sich kaum etwas verändert. Die Freundschaft, die jahrelang die Menschen verbunden hatte, ist nach wie vor gleich geblieben. Die Umstrukturierung der Monarchie, die ab 1935 erfolgte, hat unter den arbeitenden Menschen kaum Schaden und Zerwürfnisse gebracht. Vielleicht in den Städten, in denen die Politik basierte gab es Missstände zwischen der Obrigkeit und dem Volk.


Wie hat sich die Naziherrschaft aus Deutschland ausgewirkt?


In den Dörfern hat man die Politik nicht so verfolgt. Ich war Kind und kann darüber nicht berichten. Und so ging es allen Kindern. Ob die Erwachsenen von der Nazizeit etwas mitbekommen haben, ist mir nicht bewusst. Die Obrigkeit in den Großstädten hat die Politik bestimmt verfolgt.


Gab es Nazis in Pojorâta?


Ich glaube nicht. Es ist mir nie etwas zu Ohren gekommen.


Wie war die wirtschaftliche Situation?


Darüber kann ich nur wenig berichten, nur dass was man als Kind so mitbekommen hat.

Ich habe alles fast normal empfunden. Veränderungen hab ich die ganzen Jahre nicht bemerkt. Jeder ging seiner täglichen Arbeit nach. Ob die Erwachsenen damit Schwierigkeiten hatten, war uns Kindern nicht bekannt. Ich weiß nur, dass das arbeitende männliche Volk in unserer Umgebung beschäftigt war. Es gab kleine ans Land angepasste Unternehmen, wie z. B. Steinbruch, Sägewerk, Kalk-Abbau und Schafhaltung. Es gab auch Bergwerke (Silber, Kobalt, Kupfer), die in letzter Zeit nicht mehr in Betrieb waren. Nicht zu vergessen ist die Waldrodung (Waldarbeit), mit der sich viele Menschen in dieser Region ihr tägliches Brot verdienen mussten. Arbeit für Frauen gab es fast keine. Die Frauen hatten mit der täglichen Hausarbeit genug zu tun, denn fast 70 Prozent der Menschen in der Südbukowina waren sogenannte „Glitschenbauern“ (Selbstversorger). Sie hatten 1-3 Kühe, Schweine, Geflügel, ab und zu auch Rösser. Die Versorgung dieser Tiere galt den Frauen, denn die Männer mussten in einem der genannten Betriebe das Geld verdienen. Denn man benötigte neben Nahrungsmitteln noch viele andere Dinge.


Wie war die Beziehung zur jüdischen Bevölkerung?


Wir hatten 19 Judenfamilien in unserem Dorf. Ich glaube in der Südbukowina gab es in etwa 10-15 Prozent Juden. Wie man weiß, ist die Südbukowina die ärmste Region Rumäniens. Doch ich kann nur von Pojorâta berichten. Wir kamen mit den Juden gut zurecht. Natürlich waren es diejenigen, die mehr Geld hatten. Unter den Juden gab es nur Geschäftsleute, Angestellte, Besitzer usw.. Keiner aus den Judenfamilien war gewöhnlicher Arbeiter. Deren Kinder konnten auch studieren, weil sie finanziell besser gestellt waren. Die Deutschen und Rumänen konnten sich das nur selten leisten. Wir waren ja nur Kinder von Tagelöhnern mit geringem Einkommen. Unsere Eltern waren aber trotzdem glücklich und zufrieden.


Welche Wünsche und Sorgen hatten die Menschen?


Freilich gab es Wünsche und Sorgen, denn es gab auch viele sehr arme Familien. Ob reich oder arm, jeder musste schauen wie er aus einer Misere heraus kam. Das wichtigste war der Zusammenhalt der Familie. Gemeinsam konnte man es schaffen, egal ob Deutsche, Rumänen oder Juden, die Hilfsbereitschaft war auf jeder Seite vorhanden. Heute weiß ich, unsere Eltern hatten zwar Wünsche, aber selten die Möglichkeit sich diese zu erfüllen. Uns Kindern sind die Probleme der Eltern verborgen geblieben.


Die Umsiedlung

 

Wann hat man von der Umsiedlung erfahren und wie haben die Deutschen darauf reagiert?

Soviel ich weiß, ist im Oktober 1940 die Euphorie unter den Deutschen ausgebrochen. Die Jungen waren voller Begeisterung („Wir gehen nach Deutschland, Hitler holt uns heim“)
Da hat man zum ersten Mal bei uns in Pojorâta den Namen Hitler und seine Parolen zu hören bekommen.  Die Älteren waren skeptisch und abgeneigt an einer Umsiedlung teilzunehmen. Doch am Ende gab es keine Alternative. Zum langen Überlegen war keine Zeit, es ging alles sehr schnell und bürokratisch über die Bühne.


Wie liefen die Vorbereitungen für die Umsiedlung
ab?


Es waren Männer aus Deutschland, die das alles in der Hand hatten. Sie machten von dem freiwillig Erzwungenem Gebrauch und erteilten die notwendigen Anweisungen. Wie, wo und wann man etwas tun hatte. Es hieß: „Packen“! Die lebenden Tiere wurden von rumänischen Soldaten abgeholt. Es hieß Wäsche und persönliche Habseligkeiten braucht man nicht mitnehmen, das bekommt man in Deutschland wieder. Der erste Transport ging am 1.11.1940 vom Bahnhof mit der Bahn nach Deutschland. Alles verlief kurz und bürokratisch. Wenn ich heute zurück denke, hat man damals als Kind das getan was die Erwachsenen uns „plausibel“ dargelegt hatten. Da gab es für uns Kinder nichts zu bedenken. Zum Überlegen gab es auch keine Zeit, es ging alles überstürzt über die Bühne. Wir, die damals Kinder waren (so in meinem Alter) und heute noch leben und diese Jahre revue passieren lassen, wissen, dass man die Menschen als Marionetten benutzt hat. Den waren Sinn habe ich bis Heute nicht begriffen.


Wie genau lief die Umsiedlung und der Transport ab?


Die Deutschen Bewohner unseres Dorfes Pojorâta wurden auf drei Transporte verteilt. Der Ablauf verlief immer nach dem gleichen Schema:
  1. Transport am 01.11.40
  2. Transport am 15.11.40
  3. Transport am 01.12.40
 
An den besagten Tagen, jeweils ab 16 Uhr fand die Einwaggonierung statt. Um 20 Uhr wurde kontrolliert, ob auch alle Umsiedler  für den Transport bestimmt waren. Um 22 Uhr wurde abgefahren.


Wie haben die Menschen reagiert? Wie haben sie ihr Eigentum verlassen? Wie haben sie sich von den Verbliebenen verabschiedet?


Der Abschied und die Ungewissheit machte die Menschen traurig. Die ältere Generation hatte mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Es blieben Freunde zurück und das ganze Hab und Gut für das man gearbeitet hatte. Nur die Hoffnung und Neugier, ob das Versprochene auch zutreffen wird ist geblieben. Die Jungen nahmen es etwas leichter, den sie hatten die Hoffnung, dass alles besser wird.


Wie war die Strecke und die Versorgung unterwegs?


Die Strecke war von Pojorâta über Ungarn mit Pause am zweiten Tag so gegen 16 Uhr in Bruck an der Leitha in Österreich. Man wurde vom Deutschen Roten Kreuz kurz verpflegt und nach dem gesundheitlichen Befinden befragt, es wurde Hilfe angeboten und dann ging es weiter. Ein paar Brote und Trinkwasser wurden verteilt, für Kleinkinder gab es Milch.


Wie war die Stimmung bei den Menschen?


Die Stimmung war unterschiedlich, die Erwartung groß. Die jungen Leute, die Schulkinder und Jugendliche waren, jubelten. Die Älteren betrachteten alles kritisch aus dem Abteilfenster.


Wann und wo ist man eingetroffen?


Am dritten Tag gegen Abend war man am Ziel. Nicht Deutschland, sondern das ehemalige  Sudetengau (Böhmerwald) und Österreich waren angesteuert worden:

  1. Transport: Wiesengrund und Jauernik (Österreich)
  2. Transport: Reichsstadt und Wartenberg (Tschechei)
  3. Transport: Marienbad (Tschechei)

Jeder Transport wurde auf jeweils zwei Lager aufgeteilt. Die erste Enttäuschung war, dass man auseinandergerissen wurde.


Wie wurde man empfangen?


Man wurde ohne große Vorreden in ein Lager gesteckt, mit den Worten „nur für kurze Zeit“!  Alles verlief herzlos und bürokratisch. Die Stimmung fiel auf den Nullpunkt.

Das Lagerleben

Wie hat sich das Lagerleben abgespielt?

Nachdem die Menschen nach kurzer Zeit sich mit dem Leben im Lager abgefunden und das ganze Auf und Ab akzeptiert hatten, kehrte im täglichen Ablauf ein wenig Ruhe ein. Es dauerte länger als versprochen, die Kinder fanden es schön, doch die Eltern resignierten. Dadurch gab es häufiger Meinungsverschiedenheiten zwischen den Familien und Lagervorgesetzten. Unmut und Traurigkeit machten sich breit.


Wie war die Versorgung, die Unterbringung und welche Gefühle hatten die Menschen? Was haben Sie alles gemacht?

Die Zeitlager waren alte Schlösser oder Schulen. Dadurch war die sanitäre Versorgung mangelhaft, fast unmöglich. Die Unterbringung ließ zu wünschen übrig. 2-3 Familien in einem Raum mit Hochbetten. Die älteren Menschen hatten Hemmungen sich vor anderen auszuziehen. Zu dieser Zeit war das Ausziehen und das halbnackt Herumlaufen vor Anderen  nicht üblich. Gewaschen hat man sich auch im gleichen Raum, einfach in einer Blechschüssel. Einmal in der Woche konnte man mit warmen Wasser baden oder duschen, im sogenannten  Waschhaus. Nur Mütter und Kleinkinder hatten täglich Zutritt zum Waschraum. Wäsche waschen wurde nach Zeit und nach Familien eingeteilt. Für das leibliche Wohl war gesorgt, keiner musste hungern. Es gab aber alles gemeinsam (früh, mittags und abends in der Lagerküche). Die ärztliche Hilfe und Beistand waren in Ordnung. Die Gefühle der Menschen kann man kaum beschreiben. Die Enttäuschung konnte man den Menschen von den Augen ablesen. Jeder versuchte mit sich selbst ins Reine zu kommen. Bei abendlichen Besprechungen auf der Bank vor dem Lager konnte man die Resignation heraushören. Warum, wieso wurden wir verkauft? Diese unabänderlichen Worte hatten Bedeutung. Das Nichtstun zerrte an den Nerven. Die Menschen waren Arbeit gewöhnt und nicht das Herumsitzen, kein Einkommen zu haben und in jeder Hinsicht abhängig zu sein. Das trieb die Menschen in die Verzweiflung. Da gab es auch manchmal böse Worte, zumal man sich sagen lassen musste: „Man hätte es ja selbst so gewollt“! Diese Worte taten weh, war doch alles erzwungen verlaufen.


Wie lange war man im Lager?


Im Allgemeinen 9 Monate im angereisten Lager und dann noch 2-3 Monate in verschiedenen Durchgangslagern, bis zur sogenannten Ansiedlung.


Wie und wonach erfolgte die Ansiedlung
? Wo kamen die Menschen überall hin?


Das entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ich heute zurück denke, verliefen die Ansiedlungen planlos. Wir wurden in ganz Deutschland  und anderen Ländern verstreut:
  • Polen ( Oberschlesien, Schlesien)
  • Böhmen und Mähren (Sudetengau)
  • Wartegau (Posen, Litzmannstadt)
  • Österreich (Kärnten, Steiermark, Südtirol)
  • Luxemburg
  • Saarland
  • Serbien
 

Das Leben in der Übergangsheimat 

Wie war die Einweisung in das neue zu Hause?

Wie ist man damit umgegangen, wenn die Polen aus ihren Häusern vertrieben wurden?Man kann sagen furchtbar, das ist der richtige Ausdruck. Sowohl für die Besitzer des  zugeteilten Anwesens als auch für die sogenannten Siedler. Ein Militärwagen, besetzt mit der Siedlerfamilie hielt plötzlich vor einem Haus. Einer der deutschen Bevollmächtigen ging ins Haus und ein paar Minuten später kam er mit den Familienmitgliedern des Hauses heraus. Die Mitglieder konnten nur ein paar Habseligkeiten unter dem Arm mitnehmen. Die Siedler wurden aufgefordert abzusteigen und ihnen wurde mit kurzen Worten erklärt, das ist das neue Zuhause. Kurz und herzlos: „Polen raus, Deutsche rein“! So trug es sich nicht nur in Polen, sondern auch in den anderen Teilen, wo die sogenannten Neusiedler verfrachtet wurden, zu. Die Bestürzung bei den Siedlern und der Zorn bei den betroffenen Hausbesitzern war groß und nicht zu übersehen. Angst stieg bei den Siedlern auf. Die Sprache war beiderseits unverständlich. Es gab zum Glück Einige unter den Polen, die die deutsche Sprache beherrschten. So wurde so gut es ging übersetzt um zu einer Einigung zu gelangen. Man hat den Polen erlaubt ihre Habe mitzunehmen, bis auf vorerst einige Möbel. Denn die Siedlerfamilien hatten ja außer ihren persönlichen Sachen, wie Wäsche, Kleidung, ggf. Kochtöpfe, auch nichts. 

Wie hat man sich eingerichtet und zurechtgefunden?


Man versuchte erst einmal mit den Einheimischen Kontakt aufzunehmen, sich auszutauschen und ihnen zu erklären, dass es für uns auch peinlich ist, wie alles gekommen ist. Auch wir hatten alle keine Ahnung von dem Geschehen, dass die Polen so überstürzt ihre Häuser räumen mussten. Den deutschen Siedlern wurde alles anders plausibel gemacht.


Welche Gefühle hatten die Menschen und in welcher Verfassung waren sie?


Als man sich nach langen Gesprächen, die Tage dauerten, die ganze Lage von beiden Seiten erklärt hatte, kam man sich menschlich näher. Auch die gegenseitige Hilfe ließ nicht lange auf sich warten. Leider gab es auch deutsche Familien, die alles für richtig empfunden hatten und dementsprechend gegen die Polen rebellierten. Da gab es leider auch unschöne Szenen und die Angst spielte mit. Wir Siedler waren ja doch die Eindringlinge. Wenn man dern Polen menschlich entgegen getreten ist, hat sich sogar eine Freundschaft entwickelt. Man hatte sich arrangiert und konnte sich dann einigermaßen eingewöhnen.


Wie war der Umgang mit den Einheimischen, wie war der Alltag?


Wie bereits erwähnt, es hing alles von beiden Seiten ab. Ein altes Sprichwort sagt: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück“!  Der Alltag verlief nach und nach immer besser, denn es wurde ein Wirkungskreis aufgebaut. Kurz gesagt, man versuchte wieder ins Arbeitsleben zu kommen. Die Kinder gingen zur Schule. Es gab auch eine deutsche Schule, zumindest deutsche Lehrer. Die Erwachsenen suchten sich eine Arbeit. Die jungen Männer wurden zum Militär
4) eingezogen. Ausbildungsplätze wurden gesucht und teilweise gefunden. Man hat sich Möbel gekauft oder vom Deutschen Roten Kreuz welche erhalten, damit man wieder menschlich leben konnte. Wenn man versuchte mit der polnischen Bevölkerung guten Umgang zu haben, bekam auch Hilfe, sei es auf dem Feld oder im Haushalt. Gegenseitige Hilfsbereitschaft hat sich im Umgang miteinander bezahlt gemacht. Bei den Behörden war das nicht gern gesehen und man musste vorsichtig sein.

Wie hat sich die Situation zum Schluss verändert?


Darüber kann ich wenig sagen, denn ich war in Schlesien in einem Säuglingsheim als Schwesternschülerin tätig. Von meiner Mutter habe ich erfahren, dass sich die Polen über das Kriegsende gefreut haben. Die Patrioten haben sich auch dementsprechend gegenüber den Deutschen verhalten. Sie haben mit gleicher Münze zurück gezahlt. Meine Mutter ist nicht geflüchtet, weil sie auf mich gewartet hatte. Leider konnte ich nicht heim, denn der Russe war schon im Grenzgebiet. Sie hatte aber nichts zu befürchten, weil sie gut und hilfsbereit zu den Polen war, die in ihrem Block wohnten. Block bedeutete: Die sogenannten Siedler bekamen mit 2-3 oder sogar mehren Familien ein gewisses Grundstück mit kleinen Häuschen zugeteilt. Das Haus, das meinen Eltern zugewiesen wurde, war das älteste im Block. Dazu gehörten die Arbeiterfamilien, die übernommen wurden. Als mein Vater 1942 starb, stand meine Mutter allein da. Doch ihre Zuneigung und Hilfsbereitschaft half ihr in der schweren Zeit und vor allem als die Deutschen flüchten mussten. Polnische Mitmenschen haben meine Mutter vor der polnischen Miliz versteckt, denn die war gnadenlos wenn sie einen Deutschen gefunden hat.


Wie war die Stimmung unter den Menschen und welche Gefühle und Sorgen hatten die Menschen?


Die Stimmung war auf Angst aufgebaut. Jeder fragte sich: „Wie kommen wir hier raus und wohin“? Irgendwie ist es doch gelungen mit der Bahn weg zu kommen. Mit Hilfe gut gesinnter polnischer Menschen, die vielleicht auch nach 4 Jahren Ungewissheit froh waren wieder ihr eigenes Leben führen zu können. Manche Polen konnten mit den Deutschen nicht auskommen. Leider gab es unter den Deutschen auch Menschen, die rechthaberisch und verständnislos waren gegenüber den Menschen die uns erdulden mussten. Denen war nicht klar, dass wir in verschiedenster Weise im selben Boot saßen.


Wann und wie wurde die Flucht vorbereitet?


Im Januar 1945 ging es wie ein Lauffeuer von Mensch zu Mensch: „Wir müssen weg“! Zum Vorbereiten gab es kaum Zeit. Es ging überstürzt und planlos von statten. Die Flüchtlinge hatten sich am nahe gelegenen Bahnhof versammelt. Dort wurde ihnen ein Transport mit der Eisenbahn Richtung Deutschland ermöglicht. Gestrandet sind viele im Sudetengau, wo einst die Umsiedlungslager waren. Dort trafen sich Viele die bereits gemeinsam im Umsiedlungslager waren. Viele Südbukowiner waren in Schlesien, Oberschlesien, Ostoberschlesien angesiedelt worden. Dadurch traten sie sich auch zeitlich wieder die Flucht an.


Wie haben sich die Polen verhalten?


Die ein gutes Verhältnis zu den Deutschen hatten waren traurig. Aber überwiegend herrschte Freude. Es lief trotzdem einigermaßen menschlich ab, keine bösen Worte, nur ab und zu Buhrufe von älteren Einheimischen.

Die Flucht

Wie und wann wurde die Flucht organisiert?

Darüber kann ich wenig berichten, wie gesagt befand ich mich zur Fluchtzeit in einem Säuglingsheim als auszubildende Säuglingsschwester in Derschau, nähe Oppeln in Schlesien. Wir wurden mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes und Wehrmachtsangehörigen im letzten Moment auf Lastwagen der Wehrmacht evakuiert. Man brachte uns (Bedienstete, Auszubildende und Vollschwestern) insgesamt mit 80 Säuglingen und Kleinkindern, deren Eltern in Rüstungsbetrieben arbeiten mussten,  im Alter von 14 Tagen bis zu 3 Jahren nach Leobschütz in Oberschlesien zur Bahn. Dort wurden noch wir mit anderen Kindern und Säuglingen von den umliegenden Heimen in einen Personenzug Richtung Deutschland verfrachtet. Wir kamen teilweise nur bis ins Sudetengau. Wir und einige Kinder mit 1-2 Erwachsenen (Schwestern oder Schülerinnen) wurden mit der Aussage: „Meldet euch beim Roten Kreuz“, auf einem Bahnhof in der Nähe eines Heimes abgesetzt. Ich selbst wurde einfach in Eger mit zehn kleinen Säuglingsbündeln ohne Namen und Geburtsdatum in der Nacht um 2 Uhr abgesetzt. Ich meldete mich dort beim Roten Kreuz und erfuhr, dass es in Eger ein  Paterkloster gab, in dem sich auch ein Kinderheim befand. Dorthin wurde ich in der Früh gebracht. Nach 8 Tagen wurde ich freigesetzt um mich bei der Hilfshauptstelle in Dresden zu melden. Dort musste ich viel Elend erleben. Denn täglich trafen Flüchtlingstransporte per Bahn und Trecks teils mit Pferdegespannen und mit Handwagen aus dem Osten ein. Was dann bei dem Bombenangriff geschah, kann man sich nur schwer vorstellen.


Welche Transportmöglichkeiten bestanden und mit welchem Gepäck und welchen Gefühlen haben die Menschen die Flucht angetreten?
Welche Familien sind wo aufeinander getroffen und haben die Flucht gemeinsam angetreten?

Ich habe erfahren, dass es keine Vorbereitungen zur Flucht gab. Jeder nahm das mit, was er konnte und versuchte mit Bahn, Treck oder zu Fuß in Richtung Deutschland zu gelangen. Von Betroffenen habe ich erfahren, dass alles planlos verlaufen ist. Es haben sich vielleicht einige zusammengeschlossen und die gleiche Richtung eingeschlagen, aber ohne Ziel. Mit einem Wort gesagt, es herrschte Chaos auf der ganzen Linie. Die Menschen handelten wie Marionetten, getrieben von einem Ort in den anderen. Manche kamen für einige Tage in einer Schule oder einem Sägewerk unter, wurden vom Roten Kreuz verpflegt und dann ging es weiter. Manche mit einem Ziel, doch die meisten ziellos. Die Menschen aus der Bukowina versuchten aus der Übergangsheimat Polen dorthin zu gelangen, wo sie sich nach der Umsiedlung im Lager aufhielten, ins Sudetengau. Dort hofften sie Bekannte und Verwandte wieder zu treffen. Wie es auch bei uns der Fall war. In Reichsstadt, Kreis Reichenberg trafen sich fünf Familien, die gemeinsam in Wartenberg im Lager waren aber in Reichsstadt halt machten, weil die Bahn sie dort abgesetzt hatte. Da war man froh sich wieder zu sehen, zumal man auch noch aus dem gleichen Dorf in der Bukowina stammte und nach der Umsiedlung auseinander gerissen worden war. Ich persönlich bin erst ein paar Tage später dazu gestoßen. Auch mich zog es in diese Richtung. Leider hatten diese fünf Familien, die sich in Reichsstadt gefunden hatten, bis auf 3 Tage, keine Bleibe. Sie hatten sich entschlossen zusammen zu bleiben und gemeinsam eine vorläufige Bleibe zu suchen, da das Ende des Krieges bereits vorauszusehen war. Wir hatten Glück! In Altschiedel (Tschechei)  ca. 8 km von Reichsstadt entfernt eine Bleibe zu finden. Ein Gastwirt, der auch etwas für Deutsche übrig hatte, überließ uns ein altes kleines Haus. Eine liebe alte Dame hatte Mitleid mit uns und nahm uns auf, der Gastwirt selbst auch, obwohl man gemischte Gefühle dabei hatte. Es waren  Tschechen die uns Deutschen geholfen hatten. Sie haben uns auch nicht verraten, als der Krieg zu Ende war und die Russen Einzug hielten und nach Deutschen suchten. Ich glaube, sie haben auch geschwiegen um sich selbst zu schützen, denn sonst hätten sie in Verdacht gestanden deutschfreundlich zu sein.


Wie waren die Fluchtwege, Stationen und die Transportmittel?


Das war keine Flucht mehr was ich jetzt schreibe. Wir fünf Familien wurden am 01.06.1945 von den Tschechen aus ihrem Land geworfen. Der Bürgermeister hat die Order bekommen, alle Deutschen der Tschechei zu verweisen. Man hat uns humaner Weise einen offenen Kalkgüterwaggon zur Verfügung gestellt. Dieser wurde dann an einen anderen Zug angehängt, der in Richtung Deutschland fuhr und wurde irgendwo wieder abgehängt. Zwischendurch wurden wir immer wieder kontrolliert, so dass sich unsere Habe weiter verringerte. Die jungen Frauen und Mädel hielten sich versteckt oder mussten sich zu alten Frauen verkleiden. Manche Menschen wurden krank. Dies ging tagelang so, bis sich wieder die Möglichkeit ergab, an einen anderen Zug in Richtung Deutschland angehängt zu werden. Als wir wieder mal auf einem Gleis in einer Prärie abgehängt wurden, hatten wir Glück. Es war in der Nähe eines Busches. So konnten wir uns ein paar starke Rutenstöcke organisieren und mit Hilfe von Decken ein Dach für den Kalkgüterwagon daraus bauen, um uns vor Hitze und Regen zu schützen.


Wie war es unterwegs? War es eng? Wann und wie hat man sich versorgt und die Notdurft verrichtet usw.? Wie wurde man von den Einheimischen behandelt?


Wir waren 24 Personen in diesem Wagon. Zufällige Verpflegung war eine in Reichsstadt gefundene Kiste, deren Inhalt wir nicht genau kannten. Sie war schwer. Da wir einen Handwagen hatten,  den uns der Gastwirt zur Verfügung gestellt hatte, konnten wir die gefundene Kiste mitnehmen. Unser Glück war, dass die Kontrolle der Tschechen nicht so streng war, da wir sonst noch ins Gefängnis gekommen wären. Was aber noch besser war, war der Inhalt der Kiste. Sie stammte  von der deutschen Armee und war bis oben mit Schmalzfleischdosen gefüllt. Das hatte uns die ganze Zeit über Wasser gehalten. Die Kartoffeln dazu haben wir gestohlen, wenn unser Waggon mal wieder abgehängt worden war. Da haben wir uns mit ein paar Steinen und einem Blech eine Feuerstelle gebaut. Die Notdurft wurde immer beim Halt oder Abstellen des Waggons im Grünen verrichtet. Gewaschen haben wir uns in Pfützen oder einem Bach, der zufällig in der Nähe war. Unser Waggon wurde immer wieder im Niemandsland oder auf Güterbahnhöfen abgestellt. Einmal auch in Tetschen-Bodenbach. Hier in Tetschen-Bodenbach haben sie uns dran gekriegt. Wir mussten alle aus dem Waggon und die wenigen Habseligkeiten wurden durchwühlt. Was ihnen gefiel haben sie mitgenommen. Hier war ein Tscheche, der im KZ saß, ein Teufel in Person mit Reitpeitsche. Es gab aber auch einen freundlichen Mann, der vieles gerne übersehen wollte, dieser hat dann auch die Reitpeitsche zu spüren bekommen. Ein russischer Soldat, fast noch ein Kind, wollte meiner Oma helfen. Sie bekam den Koffer nicht auf, auch der wurde von dem Teufel in Person bedroht. Von einem Halt In Budweis blieben wir glücklicher Weise verschont, dort ist unser Wagen, der an einem Güterzug angekoppelt war, durchgefahren. Wer weiß, was da noch passiert wäre.


Wie lange war man unterwegs und wo kam man als erstes an? Was sollte mit dem Transport geschehen und was ist geschehen?  Wie war die Entlassung aus den Waggons?


Wir waren so ca. 3 Wochen unterwegs, als wir eines Tages im Morgengrauen von deutschsprachigen Männern aufgefordert wurden auszusteigen. Mit den Worten: „ Ihr seid in Sachsen, braucht keine Angst zu haben“! Die Ortschaft hieß Erlau in der Nähe von Dresden. „Leider müsst ihr euch noch ein paar Tage gedulden, bis die Verteilung in die  Regionen festgelegt ist“. Wir sollten nach Freiburg, doch wir wurden noch ein paar Tage in Erlau zu Bauern gebracht. Immerhin bestand zuvor die Gefahr, dass unser Waggon wieder an einen Zug Richtung Osten angekoppelt worden wäre. Wir hatten Glück.  Jede Familie kam bei verschiedenen Bauern unter, die in der Erntezeit Hilfe brauchten. Wir waren also in der russischen Zone, im Osten Deutschlands gelandet. Hier hatten sich bereits überall freigelassene Häftlinge auf den Bauernhöfen niedergelassen und gewütet. Auf den Höfen wurden Tiere geschlachtet und abtransportiert. Darunter auch lebendes Vieh wie Schweine, Kühe und Geflügel. Unser Bauer hatte sich dagegen gewährt. Er wurde kurz und bündig abgeholt. Gesehen haben wir ihn nie mehr. Eine junge Frau mit zwei Kindern, ihr Mann war gefallen, musste mit ein paar Habseligkeiten sofort den Hof verlassen. Wir Flüchtlinge durften bleiben. Es waren ja nur meine Tante, Oma und ich. Wir mussten für diese Verbrecher arbeiten. Da haben wir uns wieder denen angeschlossen,  die in unserem Elendstransport mit dabei waren und eine neue Bleibe suchten. So kamen unsere von Leid geplagten Familien später geschlossen nach Kleinpaschleben in Sachsen Anhalt. 


Wie hat man sich neu orientiert?


Mein Onkel und andere Männer hatten vorher Ausschau gehalten und festgestellt, dass in Sachsen Anhalt die Kornkammer Deutschlands war. Hier wuchsen große Kartoffeln und dicke Zwiebeln. Deshalb hat er versucht einen Ort zu finden, an dem es viele Güter gab und damit die Hoffnung auf Arbeit und Nahrung verbunden.


Wann und wie hat man sich auf den Weg zum neuen Zielort (Kleinpaschleben/Köthen-Anhalt) gemacht?


Genau weiß ich das nicht. Also so Ende September 1945 haben wir fünf Familien uns zusammen mit der Bahn auf den Weg nach Kleinpaschleben gemacht,. Der Onkel war schon dort geblieben, als er auf der Suche nach einer Bleibe diesen Ort ausfindig gemacht hat. Er hatte schon Rücksprache mit der Gemeindeobrigkeit gehalten und diese war mit der Aufnahme von Flüchtlingen einverstanden.

Ankunft in in der neuen Heimat (Kleinpaschleben/Sachsen-Anhalt)


Wann und wie ist man in Kleinpaschleben eingetroffen?

Wie bereits erwähnt, so Ende September 1945 kamen wir mit der Bahn und einem Pferdewagen voller Gepäck von Köthen nach Kleinpaschleben. Manche mussten den Weg zu Fuß auf sich nehmen. Der Bürgermeister wusste Bescheid, dass wir Flüchtlinge kommen, denn noch hatten die Deutschen das Sagen. Diese brauchten Arbeiter auf dem Feld. Es war gerade die Kartoffel- und Zuckerrübenernte im Gang. Es gab zum Glück genügend Arbeit und Wohnungen, weil die Gutsbesitzer vertrieben wurden und noch vor dem Kriegsende in den Westen flüchteten um sich dort niederzulassen. Auch die Wohnungen der ausländischen Arbeiter waren inzwischen frei geworden, da sie nach Kriegsende zurück in ihre Heimat gingen.


Wie wurde man empfangen und wie und von wem wurden die Einweisungen in die Wohnungen vorgenommen?


Der Empfang war kurz und bürokratisch, so wie wir Deutschen sind, was  die Bürokratie  betrifft. Die Wohnungen, in denen teils noch Möbel standen, wurden uns mit der Anmerkung zugeteilt: „Falls noch etwas gebraucht wird, bitte im Sekretariat der Gemeinde melden“. Es ging alles noch ziemlich deutschgewohnt zu, bis die Russen die Hand auf die Besitztümer legten. Das waren die Russen, die direkt aus Russland nach Deutschland zur Übernahme des Eigentums der geflüchteten Besitzer kamen. Wer keine Arbeit hatte wurde zur Arbeit auf den Gütern gezwungen. Unentgeltlich versteht sich. Wer aber eine Arbeit hatte, sei es im Dorf bei deutschen Bauern oder in der Stadt konnte dieser weiter nachgehen.


Waren die anderen Flüchtlinge schon vor uns angekommen?


Ja, Flüchtlinge aus Ostpreußen, dem Wartegau, Schlesien und anderswo waren schon da. 


Wie ist man mit der neuen Situation zurecht gekommen?


Man versuchte sich so gut es ging gegenseitige Hilfe zu organisieren. Die Einheimischen waren neugierig und wir Flüchtlinge waren froh ein Dach über dem Kopf und auch ab und zu Arbeit zu haben.


Wie haben sich die Russen und wie haben sich die Einheimischen verhalten? Gab es Kontakte?


Man hat sich gut verstanden untereinander. Die Russen, die hier stationiert waren, waren überwiegend diszipliniert. Die Obrigkeit, so meine ich, suchte auch den Kontakt zur Bevölkerung sowie zu den Einheimischen und auch zu uns Flüchtlingen. Wenn aber die gewöhnlichen Russen aus der Armee vorbei kamen, gab es schon Zoff und die jungen Mädchen mussten sich in Acht nehmen.


Wie war die Versorgungslage und wie waren die Unterkünfte?


Die Versorgungslage? Wer Geld hatte konnte sich unter der Hand etwas besorgen. Lebensmittel wurden zugeteilt. Die alten Lebensmittelkarten aus Oberschlesien hatten ihre Gültigkeit behalten. Doch wenn man kein Geld hatte, musste man versuchen Arbeit zu finden, am besten bei Bauern. Hier bekam man Naturalien und konnte damit das tägliche Leben sichern. Auch wurden Ähren gesammelt und Kartoffeln gestoppelt oder andere Früchte von den Feldern gelesen. Man war nicht zimperlich. Es ging aber, es gab keine große Debatten. Man half sich untereinander so gut es ging. Die Einheimischen waren sehr aufgeschlossen gegenüber den Flüchtlingen.

Durch die Bodenreform bekam später, wer wollte, auch Flüchtlinge, ein Stück Ackerland zugeteilt. Man konnte es käuflich erwerben oder pachten. Das Stück Ackerland, ein halber Morgen, wurde größtenteils von den Flüchtlingen als Nutzland bewirtschaftet. Dann konnte man sich Tiere wie Kaninchen, Ziegen, Schweine, Hühner usw. halten. Natürlich brauchte man dafür auch eine Wohnung mit Stallung, Keller usw. und musste daher manchmal umziehen.


Wie hat sich die Lage für die geflüchteten Familien verändert oder verbessert?


Von Zeit zu Zeit ist alles besser geworden. Die Jugend hat sich angenähert, daraufhin ist es in den Familien auch besser geworden. Man hat sich um Arbeit bemüht und auch welche bekommen. Wer arbeiten wollte, hatte auch Arbeit. Später konnte man Vieh halten und ein Stück Land bewirtschaften. Es lief alles gut, bald waren wir ein Teil von den Einheimischen. Kurz gesagt, sie haben uns angenommen.


Die Flüchtlinge lebten meistens in den Häusern der vertriebenen „Großgrundbesitzer“, ist das richtig? 


Es stimmt, die Flüchtlinge lebten zumeist in den Häusern der Grundbesitzer. Sagen wir 70 Prozent. Einige auch bei privaten Eigentümern. Wir waren bei einer einheimischen Familie untergekommen. Hatten zwar nur zwei Räume, aber ein paar Stallungen, in denen man sich ein paar Hühner, Kaninchen, eine Ziege und ein Schweinchen halten konnte. Da war die Selbstversorgung schon gesichert. Unsere Besitzer hatten auch nur zwei Räume. Es war ein älteres Ehepaar. Sehr liebe Leute, sie meinten, wenn wir zu Dritt mit zwei Räumen auskommen, bräuchten sie selbst auch nicht mehr. Mein Onkel Oscar und seine Famlie waren zu Fünft und wohnten bei Fleischer Schwenke. Sie hatten die ganze obere Etage zur Verfügung. Also gab es auch Menschen, die die Flüchtlinge verstanden haben und nicht als Eindringlinge oder gar als Zigeuner bezeichneten. Das habe ich leider hier in Bayern fünf Jahre nach Kriegsende anders erleben müssen. Aber da waren wir schon so stark, dass wir die richtigen Antworten parat hatten.


Wovon hat man gelebt, welche Einkünfte hatte man?


Man versuchte so schnell es ging eine Arbeit zu bekommen, denn Geld war schon immer das Wichtigste. Damals, 1945, gab es noch  mehr Arbeit als heute. Da hat man bei den Bauern meist für Naturalien gearbeitet.


Haben die Menschen jetzt ein Gefühl von „zu Hause“ verspürt?


Ob es ein Gefühl eines „zu Hause“ war, weiß ich nicht. Ich glaube es war mehr das Gefühl der Zufriedenheit oder der ersehnten Ruhe nach all den Strapazen und Ungewissheiten.


Haben sich die Menschen bereits in dieser Zeit für Westdeutschland interessiert?


Ja, auch aus unserer Mitte hat sich die westliche Freiheit und Wohlstand eingeschlichen. Jeder hatte einen Anhaltspunkt im Westen. Sagen wir, die Wünsche und Neugierde trieb die Versuchung der Menschen auf ein besseres Leben an. Vor allem die Jungen haben den goldenen Westen erleben wollen, die Freiheit und ein besseres Leben.

Frei ist man dann, wenn die Kasse stimmt, wo immer man auch ist. Wie sagt man so schön „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt“. Und ich habe mir gesagt, vor 60 Jahren schon, ich will glücklich sein. Lieber weniger Geld, aber eine glückliche Familie um mich haben. Das macht mich reich.


Bis Ende der 40er Jahre gab es einen regen schwarzen innerdeutschen Grenzverkehr. Gab es in allen Familien Westkontakte?


Der innerdeutsche Grenzverkehr herrschte überall, weil es im Westen alles gab und im Osten nur für Bonzen, die im HO-Laden einkaufen konnten. Westkontakt gab es überall, weil die Familien durch die Ansiedlung und Flucht zerstreut waren. Die „grüne Grenze“in den Westen wurde von den Menschen häufig benutzt. Es wurde sogar „Schwarzhandel“ betrieben. Die Grenzüberschreitungen waren immer ein Abenteuer und nicht ungefährlich. Später wurde die Grenze immer stärker abgesichert und man kam nicht mehr schwarz rüber.  Höchstens über Berlin, das hat aber niemand gewagt.

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